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Weniger Jobs durch Elektromobilität: Was steckt dahinter?
9. September 2021
Elektromobilität

Weniger Jobs durch Elektromobilität: Was steckt dahinter?

Mittlerweile sind sich Politik und Industrie fast durchweg einig, dass Elektromobilität ein wichtiger und unausweichlicher Bestandteil unserer Zukunftsmobilität sein wird. Das Pariser Klimaabkommen ist ambitioniert, die Entwicklung von Infrastruktur, Batterie- und Ladetechnik hat sich stetig entwickelt und einige Hersteller haben das Ende des Verbrenners bereits datiert.

Allerdings hört und liest man immer wieder, dass durch den Wandel zur Elektromobilität tausende, gar hunderttausende Jobs auf dem Spiel stehen. Woher kommen diese Annahmen und was steckt dahinter? In diesem Artikel möchten wir dir diese kontroverse Frage beantworten und dir eine möglichst nüchterne Prognose geben, gestützt von verschiedenen, aktuellen Quellen.

Woher kommen die Annahmen?

Die Annahme, dass die Abkehr vom Verbrennungsmotor und der Wechsel hin zum elektrifizierten Fahren eine Vielzahl an Arbeitsplätzen kosten wird, ist weit verbreitet. Vertreter dieser düsteren Prognose stützen ihre Argumentation auf die geringere Komplexität von Elektromotoren im Vergleich zu Diesel- und Benzinmotoren.

Es ist ein unausweichlicher Fakt: Während ein konventioneller Verbrenner aus ca. 2.000 „beweglichen“ Einzelteilen besteht (manche geben bis zu 10.000 Teile an, wenn man alles mit einbezieht), kommt ein moderner Elektromotor mit maximal 250 Bauteilen aus – ein Zehntel.

Wirklich beweglich ist beim Elektromotor auch eigentlich nur ein Bauteil: der Rotor. Allerdings erlauben die nackten Zahlen keine direkten Rückschlüsse auf Größe und Wichtigkeit von Bauteilen. Dennoch fällt die Entwicklung von Elektromotoren deutlich simpler aus, da wesentlich weniger Bauteile aufeinander abgestimmt werden müssen. Dadurch sinkt nicht nur der Entwicklungs- und Produktionsaufwand des gesamten Aggregats auf Seiten des Automobilherstellers, sondern ebenso bei den Zulieferern der Automobilindustrie.

Die Produktion von Fahrzeugen mit Verbrenner- oder Elektromotoren unterscheidet sich in einigen Teilen erheblich. (Bild: iStock)

Befürworter dieser Annahme sehen daher nicht nur die Arbeitsplätze bei den bekannten Autoherstellern gefährdet, sondern vor allem bei den vielen, oft weniger in der Öffentlichkeit stehenden Zulieferern. In einigen Studien wird prophezeit, dass bis zum Jahr 2030 insgesamt etwa 400.000 Arbeitsplätze durch den Wechsel zur Elektromobilität gefährdet sein könnten.

Zustimmung aus der Politik erfährt die Prognose hauptsächlich von der FDP, die in der Elektromobilität zum jetzigen Zeitpunkt keine vollumfängliche Lösung für das Mobilitätsproblem der Zukunft sieht. Noch können nicht alle Alltagssituationen mit elektrifizierten Fahrzeugen abgedeckt werden und in dem mit der Elektromobilität verbundenen Stellenabbau sehen die Liberalen ein hohes unternehmerisches Risiko.

Aus dem Lager Grünen wird die Entwicklung der Elektromobilität dagegen sehr positiv aufgenommen. Das Risiko hinsichtlich der Verluste von Arbeitsplätzen wird da nicht als kritisch eingeschätzt. Oft werden an dieser Stelle – von beiden Seiten – angestrengte und wenig zielführende Vergleiche zum Kohleabbau getätigt.

Elektromobilität: jetzt schon Jobkiller, dann Chancenträger?

Auf den ersten Blick wirken die Argumente für die Jobkiller-Annahme sehr schlüssig. Unbestritten ist, dass Elektromotoren deutlich einfacher aufgebaut sind als Verbrenner und vor allem viele deutsche Zulieferer hierfür hochspezialisierte Komponenten liefern. Produktionsstätten und die gesamte einhergehende Expertise, kann nicht ohne weiteres auf ein völlig neues Produkt umgepolt werden. Aufwendige Komponenten wie Turbolader werden schlicht nicht mehr gebraucht und von dem Wechsel sind nicht nur Motor, sondern auch der komplette Antriebsstrang betroffen (Getriebe, Kupplung, etc.).

Fernab der größten Zulieferer wie Bosch und Continental, die oftmals noch andere Standbeine haben, haben selbst Größen wie Schaeffler, Mahle und ZF bereits weitumfassende Kürzungen von zehntausenden von Stellen weltweit angekündigt – bereits vor Corona.

Wie es bei kleinen und mittelständischen Unternehmen aussieht, kann aktuell niemand so recht sagen. Und inwieweit sich diese Entwicklung auf den Arbeitsmarkt und die Beschäftigungssituation der gesamten Branche auswirkt, ist ebenfalls noch unklar. Die Prognosen diverser Studien renommierter Institute gehen allerdings weit auseinander.

Gemäß einer Studie der Boston Consulting Group und der Agora Verkehrswende ist auf dem deutschen Arbeitsmarkt von etwa 70.000 Stellen die Rede, die bei Automobilherstellern zwischen 2020 und 2030 durch die Abwendung vom Verbrenner gestrichen werden müssen. Hinzu kommen ca. 95.000 Arbeitsstellen, die bei diversen Zulieferern und Entwicklungsdienstleistern abgebaut werden müssen.

Weniger Wartungsarbeiten für Elektroautos: Auch für Werkstätten wird ein Stellenabbau erwartet. (Bild: iStock)

Da Elektroautos wartungsärmer als konventionell angetriebene Fahrzeuge sind, wird darüber hinaus ein weiterer Stellenabbau von ungefähr 15.000 Arbeitsplätzen in Werkstätten abgeschätzt. Somit sind gemäß dieser Studie etwa 180.000 Arbeitsplätze gefährdet.

Trotzdem geht die Studie insgesamt von einer positiven Entwicklung für den Arbeitsmarkt aus. Obwohl existierende Jobs wegfallen, im Umkehrschluss müssen jedoch neue Stellen geschaffen werden. Die Studie spricht hierbei von 95.000 neuen Arbeitsstellen bei Automobilherstellern und Zulieferern, vor allem im Bereich der Batterieentwicklung.

Weitere 95.000 neue Stellen werden für den Ausbau der Ladeinfrastruktur benötigt. Im Anlagenbau und im Dienstleistungssektor würden zusätzlich ungefähr 15.000 neue Jobs benötigt werden. Vergleicht man den prognostizierten Stellenaufbau und -abbau, ergibt sich durch die Wende sogar ein Plus von etwa 25.000 Stellen.

Nicht so optimistisch zeigt sich das Münchner Ifo-Institut. In seiner Studie geht das Institut davon aus, dass bis zum Jahr 2025 bis zu 221.000 Stellen gefährdet sind. Auch die Studie von Fraunhofer IAO geht vom Rückgang an Jobs aus, hauptsächlich in der Fahrzeugproduktion. Nach Untersuchung des Fraunhofer IAO ist davon auszugehen, dass im Jahr 2029 etwa zwölf Prozent weniger Beschäftigte in der Fahrzeugfertigung benötigt werden als im Jahr 2019.

Allerdings wäre dies nicht ausschließlich auf den Wechsel zur Elektromobilität, sondern auch auf Produktivitätssteigerungen und generelle Rationalisierungsmaßnahmen zurückzuführen.

Könnte Elektromobilität sogar für mehr Jobs sorgen?

Über 200.000 Jobs, die innerhalb der nächsten Jahre gestrichen werden – eine düstere Aussicht. Auf der anderen Seite entstehen durch die Elektromobilität viele Chancen, auch für den Arbeitsmarkt.

Die Studie der Boston Consulting Group und Agora Verkehrswende hat es angerissen: Zwar werden viele Arbeitsstellen obsolet, andererseits entsteht eine Vielzahl von neuen Entwicklungsfeldern. Hierbei ist die Batterieentwicklung und -produktion zu nennen. In den letzten Monaten wurden Pläne diverser Hersteller publik, die eigene Batterieherstellung auf deutschem Boden vorsehen.

Das wohl bekannteste Beispiel ist die Batteriefabrik des amerikanischen Elektrofahrzeugherstellers Tesla, in Grünheide bei Berlin, die nach vollständigem Ausbau eine Produktionskapazität von 250 Gigawattstunden pro Jahr erreichen soll. Allerdings treiben auch deutsche Hersteller die Batterieentwicklung voran.

Porsche plant eine Batteriefertigung im baden-württembergischen Tübingen, in Leipzig soll noch im Jahr 2021 die Batterieproduktion von BMW starten und VW plant schon seit längerem – an seinem Haupt-Motorenstandort Salzgitter – ebenfalls eine Batterieproduktionsstätte zu erbauen. Wie viele Arbeitsplätze hierdurch letztendlich entstehen werden, lässt sich aber noch nicht sagen.

Darüber hinaus wird neben der Energiebereitstellung durch Batterien sehr viel Entwicklungsleistung beim Antriebsstrang notwendig sein. Statt Kupplung, Verbrennungsmotor und Getriebe werden nun Elektromotor und Leistungselektronik im Fokus stehen. Hierbei ist zu beachten, dass sich die Charakteristik eines Elektromotors signifikant von einem Verbrenner unterscheidet. Ein Elektromotor kann aus dem Stand heraus sein volles Drehmoment entfalten, sodass beim Tritt auf das Fahrpedal ein deutlich stärkeres Beschleunigungsverhalten möglich ist.

Des Weiteren ist im Bereich der Ladeinfrastruktur ein hoher Bedarf an neuen Arbeitskräften anzunehmen. Ein gewichtiges Argument gegen Elektrofahrzeuge ist die derzeit nicht flächendeckende Verfügbarkeit von Normal- und Schnellladestationen, sodass man noch nicht die volle Flexibilität eines konventionell angetriebenen Fahrzeugs genießen kann. Um die Elektromobilität als Mobilitätslösung der Zukunft zu etablieren, muss innerhalb der nächsten Jahre die Ladeinfrastruktur signifikant ausgebaut werden, weshalb bei Herstellern und Betreibern von Ladesäulen neue Arbeitsstellen geschaffen werden.

Nicht nur die Abdeckung an Lademöglichkeiten, sondern auch das Stromnetz als Ganzes muss für Elektroautos optimiert werden. Bereits 2019 ergab eine Analyse von Zeit Online, dass es mit einer intelligenten Steuerung bereits möglich gewesen wäre, 45 Millionen Elektroautos zu laden, ohne Stromausfälle zu provozieren.

Das Stromnetz muss weiterhin flexibel bleiben und smarter werden. Dass das im Kleinen bereits funktioniert, beweisen Haushalte mit Energiemanager und Photovoltaikanlage: Haushaltsgeräte starten dann erst, wenn mehr Strom erzeugt wird, als benötigt ist. Das können Wallboxen ebenfalls leisten und die Angst, dass Millionen Deutsche ihre Elektroautos gleichzeitig laden und somit das Netz sprengen, ist höchst unrealistisch.

Auch im Ausbau der Ladeinfrastruktur steckt für Deutschland noch viel Arbeit. (Bild: iStock)

Freilich wird es nicht möglich sein, aktuelle Mitarbeiter aus der Entwicklung und Produktion von Antriebssträngen einfach in der Batterie- oder Ladeinfrastrukturentwicklung einzusetzen. Die Mobilitätslösungen der Zukunft erwarten einen hohen Grad an Elektrotechnik und Digitalisierung, während konventionelle Verbrennungsmotoren größtenteils auf klassischem Maschinenbau basieren.

Daher werden zukünftig sehr viele Mitarbeiter der Automobilbranche weitergebildet oder umgeschult werden müssen, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Die Boston Consulting Group geht davon aus, dass knapp die Hälfte der aktuell etwa 1,7 Millionen in der Branche Beschäftigten Weiterbildungs- oder Umschulungsangebote wahrnehmen muss.

Elektromobilität: Fluch und Segen zugleich?

Nach den aktuellen Entwicklungen ist der Elektroantrieb der wohl vielversprechendste Ansatz für unsere Mobilität von morgen. Jedoch steht mit diesem Wandel auch eine große Herausforderung auf dem Arbeitsmarkt bevor. Bestehende Jobs werden in ihrer derzeitigen Form immer mehr abgebaut, neue Chancen werden sich in anderen Berufsfeldern öffnen.

In solch spezialisierten, technisch höchst komplexen und sicherheitsrelevanten Bereichen können Mitarbeiter nicht einfach von einer Stelle auf eine andere transferiert werden, sondern müssen umfassende Qualifikationen für die Tätigkeiten vorweisen. Die dazu notwendigen Weiterbildungs- und Umschulungsmaßnahmen werden die Automobilkonzerne sowie mittelständige und kleine Unternehmen vor große Herausforderungen stellen.

Titelbild: Audi

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