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Restwerte bei Elektroautos: Wie hoch ist der Wertverlust?
12. Oktober 2021
Elektromobilität

Restwerte bei Elektroautos: Wie hoch ist der Wertverlust?

Wer im Neuwagen vom Händler-Hof fährt, hat die Hälfte seines Geldes verbrannt, sagt der Volksmund. Und er übertreibt damit nur leicht: Ein neues Auto verliert im ersten Jahr nach der Neuzulassung im Schnitt rund ein Viertel an Wert gegenüber dem Listenneupreis. Ein fast exponentieller Wertverlust. Danach fällt der Restwert aber langsamer.

Der Restwert eines Autos ist für jeden wichtig der ein Auto besitzt, kaufen oder verkaufen möchte. Händler kalkulieren damit die Leasingraten ihrer Neuwagen und die Preise ihrer Gebrauchtwagen. Autokäufer interessiert, wie gut ihr Auto nach einigen Jahren noch verkäuflich ist. Gebrauchtwagen-Käufer wiederum profitieren vom Wertverlust über niedrigere Gebrauchtwagen-Preise.

Bei Autos mit Benzin- oder Dieselmotor existieren für die Berechnung des Restwerts bewährte Formeln, Tabellen und Erfahrungswerte. Aber wie ist das beim relativ neuen Elektroauto? Die meisten heute relevanten Modelle befinden sich in ihrer ersten (Tesla Model 3, Renault Zoe, VW e-Golf) oder in ihrer zweiten Generation (Nissan Leaf). Zudem fällt das Angebot an gebrauchten Elektroautos bislang überschaubar aus. Nach Daten des Kraftfahrt-Bundeamtes beträgt ihr Anteil am deutschen Fahrzeugbestand im Jahr 2021 rund 0,65 Prozent.

Die Restwerte gebrauchter Elektroautos entwickelten sich bis zum Sommer 2020 ähnlich wie bei Benziner-Pkws. Das zeigen Daten der Deutschen Automobil Treuhand (DAT). Die Organisation ermittelt aus Händler-Transaktionsdaten einen normierten Wertverlust für drei Jahre alte Gebrauchtwagen. Bis zum Sommer 2019 bildeten Elektroautos demnach sogar die wertstabilste Antriebsart. Da es bis dato noch kaum Elektroautos gab, war auch der Gebrauchtwagenmarkt nicht grade überhäuft von Angeboten.

Elektroauto-Förderung setzt Restwerte unter Druck

Auch für den ID.3 von VW gibt für fast alle Konfigurationsvarianten die volle Förderung (Bild: VW).

Politische Eingriffe haben dies geändert. Um den Absatz von Elektroautos zu fördern, beschloss die Bundesregierung im September 2019 eine Umweltprämie für neue Elektroautos: Ab Februar 2020 gab es zunächst bis zu 6.000 Euro Zuschuss beim Kauf eines Elektroautos. Ab Juli 2020 stieg die Fördersumme im Rahmen des Corona-Pakets sogar auf bis zu 9.000 Euro. Die Förderung läuft aktuell bis Ende 2025. Auch junge Gebrauchtwagen bis 12 Monate Alter und 15.000 Kilometer Laufleistung fördert der Staat mit bis zu 5.000 Euro, wenn sie nicht bereits als Neuwagen gefördert wurden.

Das setzt die Restwerte älterer Elektroautos unter Druck: „Die Preisdifferenz zwischen einem neuen und einem gebrauchten Elektroauto ist oftmals zu gering, als dass es für den Käufer attraktiv wäre, sich den Gebrauchtwagen zu kaufen“, erklärt Martin Weiss, Leiter der DAT-Fahrzeugbewertung.

Die Folge: Seit dem Sommer 2020 verlieren gebrauchte Elektroautos stärker an Wert als Benziner-Modelle. Trennen Benziner und Elektroautos im Juni 2020 noch 0,6 Prozentpunkte, sind es im September 2020 bereits 3,3 Prozentpunkte. Gleichzeitig stabilisieren sich die Gebrauchtwagenpreise bei Benzinern und Dieselmodellen.

Im Jahr 2021 setzt sich dieser Trend nach Einschätzung der DAT fort, auch wenn auf Grund der Maßnahmen gegen das Coronavirus insgesamt noch wenige Daten zur Verfügung stehen. Zumal der normierte Wert nur die halbe Wahrheit zeige: „Schaut man sich nur die kleineren Segmente an, ist deren Wertverlust deutlich dramatischer“, sagt Weiss. Je kleiner und preisgünstiger das Auto, desto größer der Einfluss der Förderung auf den Endpreis.

Restwerte Elektroauto: Entwicklung

Der Nissan Leaf wird seit Ende 2010 ausgeliefert und hat seitdem mehrere Modellpflegen erfahren. (Bild: Nissan)
Jan '19Jun '19Jan '20Jun '20Sept '20Jan '21
Elektroauto57,3%56,8%56,4%54,3%52,7%51,9%
Benziner-Pkw57,5%57,0%56,4%54,9%56,0%55,6%
Diesel-Pkw53,1%52,4%52,2%50,9%52,0%52,9%

Gebrauchtpreis vom Listenneupreis, dreijährige Gebrauchtwagen; Quelle: DAT

Hinzu kommt: Aktuelle Elektroautos leisten in Bezug auf Reichweite und Ladetempo deutlich mehr als ältere Modelle. Das macht sie attraktiver. Der Nissan Leaf wird seit Ende 2010 ausgeliefert und erhielt 2013 eine erste Modellpflege. 2017 folgt die zweite Generation, die Nissan seitdem ebenfalls verbessert hat.

So erreicht das Modelljahr 2013 nur eine Praxis-Reichweite von rund 150 Kilometer. Mit dem aktuellen Modell lassen sich je nach Akku mindestens 300 Kilometer einplanen. Ausgerüstet mit großem Akku sind in der Stadt fast 500 Kilometer möglich. Bei der Ladeleistung tat sich weniger, sie stieg von maximal 46 auf aktuell 50 kW. Neuere, ähnlich eingepreiste Modelle, wie der Opel Corsa-e oder VW ID.3, laden mit 100 oder mehr kW.

„Jedem Gebrauchtwagenverkäufer gehen da schnell die Argumente aus, warum ein drei- oder vierjähriger Pkw gekauft werden soll, wenn für einen etwas höheren Betrag ein fabrikneues Fahrzeug erworben werden kann“, erläutert Weiss.

Entwicklung Nissan Leaf

Nissan Leaf, Baujahr:201320172021
Reichweite199 km (NEFZ)270 km (WLTP)270/385 km (WLTP)
Akku24 kWh40 kWh40 kWh / 62 kWh
Motorleistung80 kW (109 PS)110 kW (150 PS)110 kW (150 PS) / 160 kW (217 PS)
Ladeleistung6.6 KW AC / 46 kW DC6,6 kW AC / 50 kW DC7,4 kW AC / 50 kW DC
Listenpreisab 29.690 EURab 31.950 EURab 32.400 EUR

Deshalb gehören ältere Elektroautos derzeit zu den günstigeren Angeboten am Gebrauchtmarkt. In einer Händlerbefragung der DAT gaben 52 Prozent der Händler im Mai 2021 an, nicht mehr förderfähige Elektrofahrzeuge nur mit hohen Nachlässen verkaufen zu können. 17 Prozent stimmten dem nicht zu. 31 Prozent gaben an, aktuell keine gebrauchten Elektroautos anzubieten.

Der Markt für gebrauchte E-Fahrzeuge muss noch entstehen

Die hohe staatliche Förderung, wie auch die attraktivere Technik aktueller Elektroautos, setzen die Restwerte älterer Modelle unter Druck. Allerdings: der Gebrauchtmarkt für Elektrofahrzeuge ist immer noch klein. Auf 200.000 Neuzulassungen rein elektrischer Fahrzeuge kamen 2020 nur 20.000 Besitzumschreibungen.

Im deutschen Gesamtmarkt werden demgegenüber sieben von zehn Pkw gebraucht gehandelt. Zudem werden Neuwagen zu zwei Dritteln auf gewerbliche Kunden zugelassen. Gewerbliche Kunden wie Autovermieter und Flottenbetreiber sind es auch, die derzeit mehr als die Hälfte der Förderanträge für die E-Auto-Prämie beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) stellen. Diese Autos rollen erst in einigen Jahren auf den Gebrauchtmarkt und damit in der Breite zu Privatkunden.

Unter diesem Aspekt ist der aktuelle Einbruch der Restwerte von Elektroautos eine Momentaufnahme. Langfristig erwarten Experten eine Stabilisierung. Bereits im Sommer 2019 kommt eine Analyse der niederländischen ING-Bank zu dem Schluss: „Mit einem zukünftigen Anstieg des gebrauchten Elektro-Angebots und einer noch stärkeren Nachfrageentwicklung erwarten wir, dass sich die Restwertentwicklung von Elektroautos weiterhin auf dem Niveau von vergleichbaren Verbrenner-Modellen bewegen wird.“

Vor allem Modelle ab Baujahr 2020 könnten die Benziner künftig sogar überholen, da diese durch eine steigende Besteuerung von CO2 und strengere Abgasvorschriften unattraktiver werden. Für die Märkte Niederlande, Deutschland und Belgien erwarten die Analysten für ein fünf Jahre altes elektrisches Kompaktklasse-Modell im Jahr 2025 einen Wiederverkaufswert zwischen 40 und 47,5 Prozent vom Listenpreis. Beim Benziner dagegen könnte dieser Wert der Studie zufolge auf 35 bis 42,5 Prozent sinken.

Gebrauchte Tesla: begehrt und alltagstauglich

Ziemlich wertstabil: das Model S von Tesla. (Bild: Tesla)

Das allerdings sind Durchschnittswerte. Der Wertverlust elektrischer Fahrzeuge hängt, wie bei Verbrennern auch, schon jetzt stark vom konkreten Modell ab. So verliert ein Tesla Model S 85D im Schnitt in vier Jahren weniger als 40 Prozent an Wert. Ein gebrauchtes Model S schlägt beim Restwert sogar etablierte Oberklasse-Modelle wie die S-Klasse. Die Limousine ist begehrt, auch ältere Modelle verfügen über eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern (zumindest nach den veralteten NEFZ-Angaben). Einige dürfen unter bestimmten Bedingungen sogar an Teslas Superchargern kostenfrei laden.

Ebenfalls wertstabil zeigt sich der elektrische Smart Fortwo. Für seinen Nutzwert als reines Stadtauto kommt es auf ein paar Kilometer mehr Reichweite nicht an. Ein VW e-Golf der ersten Serie (2014 - 2017) dagegen verliert in vier Jahren mehr als die Hälfte seines Wertes. Er kann mit dem Nachfolger ID.3 schlicht nicht mithalten, weder technisch noch emotional – und Emotion öffnet beim Autokauf traditionell die Brieftasche ein Stück weiter.

Auch deswegen kürten die Analysten von Bähr & Fess Forecasts bei der jährlichen Ermittlung der „Restwert-Riesen“ 2021 mit dem Skoda Enyaq iV einen SUV zum voraussichtlich wertstabilsten Elektroauto. Seinen Wert schätzen die Marktbeobachter nach vier Jahren auf noch 50,5 Prozent des Neupreises.

Restwertfaktor Akku: Die große Unbekannte?

Der Kauf eines gebrauchten Elektroautos ist Vertrauenssache. Das gilt vor allem für den Akku, das teuerste Bauteil am Elektroauto. Wie es jeder bei seinem Smartphone erlebt, lässt auch beim Elektroauto die nutzbare Kapazität des Stromspeichers mit zunehmender Nutzungsdauer nach.

Dabei altern Akkus je nach Nutzungsprofil und Laufleistung unterschiedlich. Betreibt ein Autofahrer seine Traktionsbatterie in der Regel zwischen 30 und 70 Prozent Ladestand, verschleißt sie wenig. Fährt er regelmäßig hohe Geschwindigkeiten und nutzt die volle Kapazität, beschleunigt sich dieser Prozess. Hinzu kommt: Für Gebrauchtwagenkäufer ist ein altersbedingt normaler Kapazitätsverlust kaum von einem teilweisen Defekt zu unterscheiden.

Kann der Verkäufer eines gebrauchten Elektroautos den sogenannten SoH („State of Health“, Batteriegesundheit) nachweisen, besteht diese Unsicherheit nicht. Die Autohersteller können diesen Wert fahrzeugdiagnostisch ermitteln. Volkswagen beispielsweise prüft den SoH anlassbezogen, beispielsweise bei Verdacht auf einen Batteriefehler – oder auf Kundenwunsch.

Dem Autobesitzer kann dieser Wert auch bescheinigt werden. Zwar gewähren die meisten Autohersteller heute großzügige Garantien auf den Fahrzeugakku. Mit zunehmender Verbreitung von Elektroautos im Gebrauchtmarkt ist dennoch zu erwarten, dass die Nachfrage nach SoH-Zertifikaten stark steigen wird. Auch freie Werkstätten und unabhängige Autohändler werden dann ein großes Interesse daran haben, die Restkapazität des Akkus selbst zu messen, um sie beim Verkauf angeben zu können.

Stabile Restwerte für Elektroautos erwartet

Die Restwerte gebrauchter Elektroautos stehen unter Druck, da die staatliche Förderung bei Neuwagen das Gleichgewicht zwischen Listenpreis und Kundenendpreis verschiebt. Der Neuwagen ist oft das attraktivere Angebot, zumal die Auswahl gebrauchter Elektroautos noch zu klein ist.

Das ist eine gute Nachricht für Autofahrer, die aktuell ein gebrauchtes Elektroauto in Betracht ziehen – vor allem für alle die in der Stadt wohnen, wo die Reichweite nicht die entscheidende Rolle spielt. Denn prozentual zahlt man weniger als für gebrauchte Diesel oder Benziner, ganz zu schweigen von den Nebenkosten. Wer heute ein Elektroauto kauft, muss dennoch in Zukunft keinen massiven Wertverlust befürchten. Langfristig erwarten Experten stabile Restwerte beim Elektroauto.

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** Weitere Informationen zum offiziellen Kraftstoffverbrauch und den offiziellen spezifischen CO2 -Emissionen neuer Personenkraftwagen können dem 'Leitfaden über den Kraftstoffverbrauch, die CO2 -Emissionen und den Stromverbrauch neuer Personenkraftwagen' entnommen werden, der an allen Verkaufsstellen und bei der Deutschen Automobil Treuhand GmbH unter www.dat.de unentgeltlich erhältlich ist.
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