1. Startseite
  2. Autoteile & Technik
  3. Maximale Geschwindigkeit: darum drosseln Hersteller
Maximale Geschwindigkeit: darum drosseln Hersteller
27. Juli 2021
Autoteile & Technik

Maximale Geschwindigkeit: darum drosseln Hersteller

Besser, weiter und vor allem schneller – das erwartet man von der Autoindustrie und auch in anderen Lebensbereichen. Automobilhersteller brüsten sich gerne mit ihren schnellsten Modellen, um sich dann in Vergleichstests gegeneinander zu messen – auch wenn sie sich meistens davor scheuen, Konkurrenten direkt beim Namen zu nennen.

Es gibt aber auch eine gegenläufige Bewegung: die Drosselung der Fahrzeuge auf eine maximale Geschwindigkeit. Warum Hersteller die Höchstgeschwindigkeit abregeln und welche Auswirkungen eine Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit hat, erfährst du in unserem Beitrag.

Drosselung der Höchstgeschwindigkeit

Die Drosselung („Abregeln“) eines Fahrzeugs ist die künstlich herbeigeführte Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit. Ohne diese wäre das Fahrzeug in der Lage eine wesentlich höhere Geschwindigkeit zu erreichen. Die Geschwindigkeitsbegrenzung wird über die Motorsteuerung, der zentralen ECU, erzielt. Das führt dazu, dass das Auto eine gewisse Geschwindigkeit nicht überschreitet, aber bis zum Erreichen seiner maximalen Geschwindigkeit trotzdem seine volle Leistung entfalten kann.

Das heißt, der Software-Begrenzer lässt stets das volle Drehmoment zu, bis knapp unterhalb der anvisierten Geschwindigkeit. Dann regelt er (in der Regel) abrupt die Benzinzufuhr herunter und drosselt so die Leistung. Das geschieht über eine sinngemäße Drosselklappe oder – beim Diesel – über die Luftzufuhr, da der Selbstzünder baubedingt keine braucht.

Hersteller, die ihre Fahrzeuge bereits auf eine maximale Geschwindigkeit drosseln

Die Idee einer Drosselung der maximalen Geschwindigkeit ist nicht neu, doch die Umsetzung änderte sich mit der Zeit. Wir stellen dir vor, wie bekannte Automobilhersteller das Geschwindigkeitslimit umsetzen.

BMW regelte als Erster bei 250 km/h ab

In Deutschland führte in den 1980er Jahren BMW die künstliche Geschwindigkeitsbegrenzung ein. Bis dahin übertrafen sich vor allem die deutschen Premiumhersteller Audi, BMW und Mercedes-Benz regelmäßig mit immer schnelleren Modellen. Gleichzeitig entwickelte sich in Deutschland die Diskussion um ein Tempolimit auf Autobahnen, da schnelle Autos als Gefahr für den sicheren Straßenverkehr betrachtet wurden.

Für die Hersteller wäre ein solches Tempolimit ein herber Rückschlag gewesen. Eine hohe Maximalgeschwindigkeit galt hierzulande schließlich als wichtiges Verkaufsargument. So kontraintuitiv es scheinen mag, stimmte das auch für den ausländischen Markt. Das lässt sich dadurch erklären, dass die Autobahn das absolute Alleinstellungsmerkmal deutscher Autohersteller ist. Würde es wegfallen, so dachte man, wären deutsche Autos nicht mehr so angesehen.

Als Zeichen gegen das Tempolimit trafen einige Hersteller eine wichtige Übereinkunft. Sie verständigten sich auf ein „Gentlemen’s Agreement“ und damit auf eine freiwillige Geschwindigkeitsbegrenzung von 250 km/h. Ein positiver Nebeneffekt dieser Übereinkunft war die Kosteneinsparung für die Automobilhersteller bei der Herstellung.

Das Wettrüsten in der Motoren-, Reifen- und Fahrwerksentwicklung fand damit zumindest teilweise ein Ende. Insbesondere Letzteres wird bei Geschwindigkeiten jenseits der 250 km/h schnell enorm teuer. Der BMW 750i der Baureihe E32 war das erste Modell, das hier abgeregelt wurde.

Der BMW 750i regelte als erster Wagen nach dem "Gentleman's Agreement" bei 250 km/h ab. (Bild: BMW)

Volvo geht noch einen Schritt weiter

Volvo reichte die Begrenzung auf 250 km/h nicht, allerdings aus anderen Gründen: der schwedische Automobilhersteller verkündete im Mai 2020, alle Pkws ab dem Modelljahr 2021 nur noch mit einer maximalen Geschwindigkeit von 180 km/h auszuliefern.

Die Begrenzung auf 180 km/h gehört zu Volvos „Vision 2020“. Diese besagt, dass ab dem Jahr 2020 kein Mensch mehr durch ein Fahrzeug ihrer Marke ums Leben kommen soll. Volvo sieht in einer zu schnellen Fahrweise die Hauptursache für tödliche Unfälle. Allgemeine Tempolimits auf Straßen sieht der Hersteller nicht als ausreichend an, da nicht wenige Autofahrer sich eigenwillig über geltende Regeln hinwegsetzen.

Durch die Drosselung auf eine maximale Geschwindigkeit von 180 km/h will die schwedische Marke, die inzwischen dem chinesischen Geely-Konzern angehört, mehr Sicherheit schaffen.

Renault führt Begrenzer 2022 ein

Mit Renault reiht sich der nächste Hersteller bei einer Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h ein. Der französische Autobauer will automatische Begrenzer für alle Neuwagen ab 2022 einführen. Renault nennt das ganze “Safety Coach” – der Megane-E wird das als erste Fahrzeug mit dieser Technologie ausgestattet. Er soll zudem Tempolimits erkennen und umsetzen, wobei auch Wetterverhältnisse und Streckeneigenheiten wie gefährliche Kurven bei der Limitierung der Geschwindigkeit mit einbezogen werden.

Auch die Renault-Marke Dacia wird ab 2022 solchen Sicherheitssystemen und Geschwindigkeitsbegrenzern ausgestattet.

Welche Auswirkungen kann die Drosselung der maximalen Geschwindigkeit haben?

Eine Limitierung der Höchstgeschwindigkeit hat verschiedene Auswirkungen für die Kunden und die Hersteller selbst. Wir haben dir die wichtigsten Folgen einer Limitierung der Höchstgeschwindigkeit zusammengestellt.

Verkehrsfluss, Sicherheit und Umwelt

Die gedrosselte, maximale Geschwindigkeit ist eine freiwillige Übereinkunft der Fahrzeughersteller und nicht durch den Gesetzgeber geregelt. Für Befürworter liegen die Vorteile auf der Hand: Durch eine Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit sinkt das Unfallrisiko, der Verkehr fließt flüssiger und die Umwelt wird durch einen geringeren Schadstoffausstoß weniger belastet. Doch ist das wirklich so?

Deutschland ist aktuell das einzige Land in der europäischen Union (und im Prinzip auch der Welt), das kein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen vorschreibt, zumindest nicht für Pkws ohne Anhänger. Für Lkws gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h. Ein Pkw mit Anhänger darf, je nach Art des Gespanns, zwischen 80 und 100 km/h schnell fahren.

Für alle anderen Pkw gilt eine Richtgeschwindigkeit von 130 km/h, solange keine zusätzliche Geschwindigkeitsbegrenzung durch entsprechende Beschilderung vorliegt. Die Richtgeschwindigkeit ist also nur ein Anhaltspunkt und nicht das Geschwindigkeitslimit.

Auf vielen Abschnitten herrscht also kein Tempolimit. Als Pkw-Fahrer kannst du so schnell fahren, wie du möchtest – theoretisch. Mittlerweile ist der Verkehr auf deutschen Autobahnen so dicht, dass du auf den wenigsten Strecken wirklich 250 km/h erreichen könntest. Das “Gentlemen's Agreement” deutscher Hersteller wurde damals auch noch nicht mit dem Gedanken an einen verbesserten Verkehrsfluss, oder der Umwelt konzipiert, sondern maßgeblich um Sicherheitsbedenken zu besänftigen.

Der Vorstoß von Volvo bei 180 km/h abzuriegeln, ist dahingehend schon vielversprechender. Wie lange noch 180 km/h auf der Autobahn gefahren werden darf, bleibt ebenfalls abzuwarten. Derzeit debattieren Politik und Interessenverbände wie der ADAC allerdings nicht über eine technische Limitierung der Höchstgeschwindigkeit. Vielmehr setzt die Diskussion bei einem allgemeinen Tempolimit auf deutschen Autobahnen an.

Drosselung der Höchstgeschwindigkeit auch für Sportwagen?

Sportwagen sind auf maximale Leistung und Geschwindigkeit ausgelegt. Es ist verständlich, dass vor allem Sportwagenherstellern die freiwillige Selbstkontrolle negativ aufstößt. Porsche weigerte sich in den 80ern die 250 km/h-Übereinkunft zu unterzeichnen. Die Zuffenhausener Fahrzeuge sollten weiterhin Geschwindigkeiten auch jenseits der 300 km/h erreichen dürfen – damals hatte Porsche grade seinen ersten Supersportwagen vorgestellt, den 959. Auch andere Sportwagenhersteller wie Ferrari und Lamborghini lehnen eine freiwillige Beschränkung naturgemäß ab. Nicht verwunderlich, da maximale Fahrleistungen zur Philosophie und der DNA der Marken gehören.

Aufhebung der Geschwindigkeitslimitierung als zusätzliche Einnahmequelle?

Da moderne Geschwindigkeitslimitierungen auf einer elektronischen Umsetzung basieren, ist es auch möglich, die Drosselung wieder zu entfernen. Du kannst die Limitierung ohne das richtige Equipment zwar nicht selbst aufheben, zwei Möglichkeiten gibt es aber, um die volle Leistung deines Motors auszukosten.

Es gibt zahlreiche Anbieter, die durch Chip-Tuning die Geschwindigkeitsbegrenzung entfernen können. Darüber hinaus kann die Werkstatt oft durch weitere Optimierungen die Motorleistung noch steigern, ohne dabei jemals Hand anlegen zu müssen.

Inzwischen bieten alle Hersteller, die einmal das “Gentlemen’s Agreement” konzipiert hatten, auch an die Maximalgeschwindigkeit gegen Aufpreis anzuheben. Teilweise wird das zusammen mit einem Performance-Paket verkauft. Dabei erhältst du oft noch weitere Features wie besondere optische Elemente im Interieur und an der Karosserie oder technische Optimierungen wie eine Bremsanlage, die auf höhere Geschwindigkeiten ausgelegt ist. Manche Fahrzeughersteller setzen die erfolgreiche Teilnahme an einem herstellereigenen Fahrsicherheitstraining voraus, bevor die Sperre tatsächlich aufgehoben wird.

Drosselung der Höchstgeschwindigkeit für Elektroautos

Der Ioniq 5 von Hyundai regelt als reines Elektroauto bei 185 km/h ab. (Bild: Hyundai)

Bei Verbrennern ist die Drosselung auf eine maximale Geschwindigkeit hauptsächlich eine Vernunftentscheidung. Für Elektroautos bedeutet die Limitierung auch signifikante Unterschiede für Funktion und Sicherheit.

Bisher ist ein großer Nachteil von Elektroautos die vergleichsweise geringe Reichweite gegenüber einem konventionellen Auto, vor allen Dingen bei schneller Fahrt. Hersteller senken daher den Energieverbrauch des Fahrzeugs, um die Reichweite zu erhöhen, indem sie sowohl maximale Beschleunigung als auch die Höchstgeschwindigkeit elektronisch limitieren.

Die Begrenzung dient aber nicht nur der Effizienz, sondern auch der Sicherheit und den Kosten. Ein Elektromotor kann aus dem Stand sein volles Drehmoment entfalten. Verglichen mit ähnlich-starken Benzinern und Dieseln würde das nicht nur zu deutlich höheren Beschleunigungswerten führen, sondern auch zu extremen Wheel Spin. Daher ist eine Limitierung hier auch im Sinne des Geldbeutels.

Was bringt eine Drosselung der maximalen Geschwindigkeit?

Verschiedene Hersteller setzen eine maximale Geschwindigkeit von 250 km/h bereits seit den 1980er-Jahren um. Letztes Jahr kündigte Volvo einen weiteren Schritt an und beschränkt die Höchstgeschwindigkeit zukünftiger Fahrzeuge auf 180 km/h. Hersteller wie Renault wollen folgen.

Belegbare Auswirkungen der Geschwindigkeitslimitierung gibt es bislang nicht – denn auch wenn rein technisch-basierte Drosselung in der Theorie vor Unfällen schützen könnte: Unterhalb der Höchstgeschwindigkeiten, auch noch weit unter 180 km/h, kommt es mit Abstand zu den meisten schweren und tödlichen Unfällen. Gerade in Ortschaften oder auf Landstraßen kommt diese technische Limitierung kaum zum Tragen, unabhängig davon, ob sie bei 180, 250, oder 130 km/h läge.

Demnach gilt es, ein schlüssiges Konzept aus einer technisch möglichen maximalen Geschwindigkeit und den geltenden Verkehrsregeln gemäß der StVO zu entwickeln. Eine solche Kombination kann die Sicherheit im Straßenverkehr im Allgemeinen erhöhen. Dass Hersteller hier bereits proaktiv vorgehen und nicht erst durch politische Maßnahmen zu Drosselungen gezwungen werden müssen, ist allerdings ein gutes Zeichen.

Titelbild: Volvo

Artikel Teilen

Das könnte dich auch interessieren:

31. August 2021

Felgen – mehr als nur Optik: Materialien, Hersteller und Leichtbau

Felgen können weit mehr sein als cool! Materialien, Aussehen und Hersteller – wir stellen sie dir vor.

Weiterlesen
19. August 2021

Bremsweg, Reaktionsweg, Anhalteweg – das musst du wissen

Erfahre hier, wie sich äußere Einflüsse auf den Bremsweg auswirken und lerne die wichtigsten Formeln kennen.

Weiterlesen
** Weitere Informationen zum offiziellen Kraftstoffverbrauch und den offiziellen spezifischen CO2 -Emissionen neuer Personenkraftwagen können dem 'Leitfaden über den Kraftstoffverbrauch, die CO2 -Emissionen und den Stromverbrauch neuer Personenkraftwagen' entnommen werden, der an allen Verkaufsstellen und bei der Deutschen Automobil Treuhand GmbH unter www.dat.de unentgeltlich erhältlich ist.
*** Dieser Pkw unterliegt der Differenzbesteuerung gem. § 25 a UStG. Die MwSt. wird in der Rechnung nicht ausgewiesen.
Mit Klick auf "Einverstanden" stimmst du zu, dass wir Deine Nutzung unserer Plattform durch Cookies und andere Technologien (von heycar und Dritten) nachverfolgen, um deine Nutzungserfahrung und dir angezeigte Werbung zu analysieren und personalisieren (mehr Details). Du stimmst damit auch zu, dass deine Daten hierbei ohne geeignete Datenschutzgarantien an Partner in sog. Drittländern übermittelt werden können, die kein angemessenes Datenschutzniveau bieten, wie z.B. die USA aufgrund staatlicher Zugriffsmöglichkeiten. Alternativ kannst du deine Einstellungen im Cookie Dashboard jetzt und jederzeit später individuell anpassen.