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Bremsweg, Reaktionsweg, Anhalteweg – das musst du wissen
19. August 2021
Autoteile & Technik

Bremsweg, Reaktionsweg, Anhalteweg – das musst du wissen

Laut dem Statistischen Bundesamt gingen im Jahr 2020 knapp ein Viertel aller Verkehrsunfälle mit Personenschaden auf das Fehlverhalten von Fahrern zurück, die ihre Geschwindigkeit nicht anpassten oder unzureichend Abstand hielten.

Wir erklären dir, wie du dich vor diesen Unfallszenarien schützt. Solltest du doch einmal in eine kritische Situation geraten, erfährst du hier, wie du richtig bremst. Wir erklären, wie sich der Bremsweg zusammensetzt und was eine Notbremsung von einer normalen Bremsung unterscheidet.

Das macht eine Bremsung zur Notbremsung 

In der Physik ist eine Bremsung eigentlich eine negative Beschleunigung, faktisch handelt es sich um die Reduzierung der Fahrgeschwindigkeit. Bei einem Fahrzeug erfolgt das sowohl passiv als auch aktiv. Die passive Bremsung tritt etwa durch eine Steigung in der Fahrbahn oder das bei der Motorbremse genutzte Schleppmoment des Motors auf. Die aktive Bremsung führst du als Fahrer mit der Nutzung der Reibungsbremse, über das Bremspedal, oder der Handbremse durch.

Eine Notbremsung ist ein aktiver Bremsvorgang durch den Fahrer oder ein Fahrerassistenzsystem. Bei einer Notbremsung versucht der Fahrer in einer Gefahrensituation durch eine sehr starke Verzögerung des Fahrzeugs einen Unfall zu verhindern. Bei einer manuellen Bremsung muss der Fahrer das Bremspedal mit voller Kraft betätigen, um eine maximale Verzögerung zu erzielen.

Alle modernen Fahrzeuge verfügen dafür über ein Antiblockiersystem (ABS), das ein Blockieren der Räder verhindert und somit starke Verzögerungen, bei gleichzeitig guter Kontrollierbarkeit des Fahrzeugs, gewährleistet. Im Falle einer automatisierten Notbremsung des Notbremsassistenten, betätigt das Fahrerassistenzsystem das Bremspedal automatisch.

Grundlegend ist der Bremsweg bei einer Gefahren- bzw. Notbremsung etwa halb so lang wie bei einer normalen Bremsung.

Faktoren, die den Bremsweg beeinflussen

Farbige Bremssättel sind oft optisches Highlight von Fahrzeugen. (Bild: Daimler)

Der Bremsweg setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen und wird durch äußere Umstände stark beeinflusst. Hier findest du die wichtigsten Faktoren für die Länge des Bremswegs in der Übersicht.

Bremskraft des Fahrers 

An erster Stelle ist die aufgebrachte Bremskraft zu nennen. Prinzipiell gilt: Je stärker der Fahrer auf das Bremspedal tritt, desto stärker die Bremswirkung und desto kürzer der Bremsweg. Das gilt allerdings nur, solange die Räder nicht blockieren. Blockierende Räder bauen keine Haft-, sondern lediglich eine Gleitreibung auf, die eine deutlich geringere Bremsleistung erwirkt.

Gefahrene Geschwindigkeit

Die Geschwindigkeit hat natürlich ebenfalls einen bedeutenden Einfluss auf den Bremsweg. Geschwindigkeit und Bremsweg verhalten sich nicht linear, sondern quadratisch zueinander. Bei doppelter Geschwindigkeit ist der Bremsweg also nicht doppelt, sondern viermal so lang.

Straßenbeschaffenheit bei der Bremsung

Auch die Straßenbeschaffenheit beeinflusst den Bremsweg. Je griffiger die Fahrbahn-oberfläche ist, desto kürzer der Bremsweg aus. Der Grip kann durch Umwelteinflüsse wie Regen, Staub, Schnee oder Glatteis stark verringert werden: hier verlängert sich der Bremsweg entsprechend.

Leistungskraft der Bremsanlage

Die Bremsanlage besteht hauptsächlich aus Bremspedal, Bremskraftverstärker, Bremssattel und Bremsscheiben. Die Anlage ist letztendlich verantwortlich, den Bremswunsch des Fahrers oder Fahrerassistenzsystems umzusetzen. Je nach Fahrzeugklasse, Art und vor allem Materialien, sind die Leistungsunterschiede von Bremsanlagen enorm.

Manche Supersportwagen haben teils einen kürzeren Bremsweg von 200 km/h auf 0 km/h, als andere Autos von 100 auf 0 brauchen! Besonders Stadtautos haben oftmals deutlich weniger leistungsfähige Bremsanlagen. Bei höheren Geschwindigkeiten müssen Fahrer daher vorsichtig sein.

Allgemein gilt, dass die Leistung auch von der Temperatur abhängig ist. Wird eine Bremse zu heiß, verliert sie an Bremswirkung und der Bremsweg verlängert sich. Pass daher auf, wenn du innerhalb kürzester Zeit mehrmals hintereinander aus hohen Geschwindigkeiten stark abbremsen musst. Durch die starken Bremsmanöver heizen die Bremsen sich intensiv auf.

Innenbelüftete Karbon-Keramik Bremsen wie man sie an einem Supersportwagen findet. (Bild: Renault)

Bereifung des Fahrzeugs 

Die Reifen sind die einzige Kontaktfläche zwischen Fahrzeug und Fahrbahn, sie bringen schlussendlich die verzögernde Kraft auf die Straße. Bei der Bereifung ist es wichtig, dass für die jeweiligen Straßenbedingungen die richtigen Reifen aufgezogen sind. Sommerreifen bauen im Winter, unter anderem durch ihre harte Gummimischung, nicht genug Bodenhaftung auf. Im Gegenzug können Winterreifen bei hohen Temperaturen „schmieren“ und ebenfalls schnell an Bodenhaftung verlieren – vor allem wenn man sie als „Ganzjahresreifen“ missbraucht.

Neben dem richtigen Reifentyp solltest du darauf achten, dass der Reifen auch noch eine ausreichende Profiltiefe aufweist, denn mit kleiner werdender Profiltiefe sinkt ebenfalls die Bodenhaftung.

Gewicht des Fahrzeugs

Zu guter Letzt spielt auch das Fahrzeuggewicht eine (ge)wichtige Rolle. Aufgrund der Massenträgheit strebt ein physikalischer Körper immer danach, in seiner aktuellen Lage zu bleiben. Aus diesem Grund ist der Bremsweg schwerer Autos bei gleicher Bremskraft länger als der Bremsweg leichter Fahrzeuge.

Formeln für Bremsweg, Reaktionsweg und Anhalteweg 

Weißt du, mit welcher Formel du den Bremsweg berechnest und was der Reaktionsweg und der Anhalteweg mit deiner Bremsung zu tun haben? Hier sind die wichtigsten Formeln und Definitionen rund um die Bremsung.

Formel für den Bremsweg 

Der Bremsweg ist die zurückgelegte Strecke vom Start des Bremsvorgangs bis zu dessen Beendigung. Die Beendigung ist in Vergleichstests gleichbedeutend mit dem vollständigen Stillstand des Fahrzeugs.

Formel für den Bremsweg

Zwar hängt der tatsächliche Bremsweg von einer Vielzahl von Faktoren ab, jedoch kannst du dir für eine normale Bremsung folgende Formel zur groben Herleitung des Bremswegs merken: 

Bremsweg in Metern = (Geschwindigkeit in km/h : 10) x (Geschwindigkeit in km/h : 10) 

Bei einer Gefahrenbremsung wird im Gegensatz zu einer normalen Bremsung das Bremspedal voll durchgetreten. Der Weg bei einer Notbremsung halbiert sich daher im Vergleich zum normalen Bremsweg: 

Notbremsweg in Metern = (Geschwindigkeit in km/h : 10) x (Geschwindigkeit in km/h : 10) : 2 

Formel für den Reaktionsweg

Der Reaktionsweg beschreibt die zurückgelegte Distanz eines Fahrzeugs zwischen dem Auftreten eines Ereignisses, das den Fahrer zum Bremsen bewegt, und der Einleitung des Bremsvorgangs. Der Reaktionszeitraum, der den Reaktionsweg definiert, ist die vielzitierte Schrecksekunde, in der der Fahrer zunächst die Situation realisiert und anschließend die Bremsung durch einen Wechsel vom Gas- auf das Bremspedal einleitet. 

Formel für den Reaktionsweg

Reaktionsweg in Metern = (Geschwindigkeit in km/h :10) x 3 

Möchtest du es dagegen ganz genau wissen, dann kannst du den Reaktionsweg auch folgendermaßen berechnen (Annahme: eine Sekunde Reaktionszeit): 

Reaktionsweg in Metern = Geschwindigkeit in km/h : 3,6 m/s 

Formel für den Anhalteweg

Der Reaktionsweg und der Bremsweg zusammen ergeben den resultierenden Anhalteweg. Dies ist die Strecke, die das Fahrzeug vom Auftreten der gefährlichen Situation bis zum vollständigen Stillstand zurücklegt. Den Anhalteweg kannst du wie folgt berechnen: 

Formel für den Anhalteweg

Anhalteweg in Metern = Bremsweg in Metern + Reaktionsweg in Metern 

Anhalteweg (Normalbremsung) in Metern = ((Geschwindigkeit in km/h : 10) x (Geschwindigkeit in km/h : 10)) + ((Geschwindigkeit in km/h :10) x 3) 

Anhalteweg (Notbremsung) in Metern = ((Geschwindigkeit in km/h : 10) x (Geschwindigkeit in km/h : 10) : 2) + ((Geschwindigkeit in km/h :10) x 3) 

Beispielrechnung des Brems-, Reaktions- und Anhaltewegs 

Um dir die theoretischen Formeln etwas näherzubringen, findest du hier zwei Beispielrechnungen. In beiden Rechnungen gehen wir von einer Reaktionszeit von einer Sekunde aus, allerdings nehmen wir im ersten Beispiel eine normale Bremsung aus 100 km/h und in der zweiten Beispielrechnung eine Notbremsung aus 160 km/h an.

Beispiel 1: Normale Bremsung aus 100 km/h: 

Bremsweg in Metern = (100 km/h :10) x (100 km/h :10) = 100 Meter 

Reaktionsweg in Metern = (100 km/h :10) x 3 = 30 Meter 

Anhalteweg = 100 Meter + 30 Meter = 130 Meter

Beispiel 2: Notbremsung aus 160 km/h 

Notbremsweg in Metern = (160 km/h :10) x (160 km/h :10) : 2 = 128 Meter 

Reaktionsweg in Metern = (160 km/h :10) x 3 = 48 Meter 

Anhalteweg = 128 Meter + 48 Meter = 176 Meter

Mit diesen Tipps bist du sicher unterwegs

Verschiedene Assistenzsysteme moderner Fahrzeuge helfen bereits, Bremsungen verzögerungsfrei einzuleiten (Bild: Volvo)

Hast du die Faustformeln im Kopf, kannst du bereits grob abschätzen, welchen Weg du bei einer Bremsung vor dem Stillstand zurücklegen wirst. Dennoch ist es wichtig zu wissen, wie du in einer Gefahrensituation richtig reagierst und eine Notbremsung effektiv durchführst.

Einer der größten Fehler bei einer Gefahrenbremsung ist das progressive Bremsen. Dabei wird zunächst nur leicht und mit fortschreitender Zeit und Fahrstrecke immer stärker gebremst. Der Gedanke dahinter ist, dass eine leichte Bremsung bereits ausreicht, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Bei dann die volle Bremskraft aufgebracht wird, ist es meist viel zu spät, um den Unfall noch zu verhindern.

Unfälle durch progressives Bremsen kannst du vermeiden, indem du vorausschauend fährst und bereits frühzeitig die Geschwindigkeit stark reduzierst. Eine Gefahrenbremsung ist dann nicht notwendig.

Hierzu ist es wichtig, stets den Mindestabstand zum vorausfahrenden Fahrzeug einzuhalten. Auch zur Bestimmung des Mindestabstands gibt es eine leicht zu merkende Faustformel: Der Sicherheitsabstand in Metern sollte mindestens der halben gefahrenen Geschwindigkeit in km/h entsprechen. Bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h solltest du demnach mindestens 50 Metern Sicherheitsabstand halten.

Kommst du trotzdem in die Situation, in der eine Notbremsung benötigt wird, musst du das Bremspedal mit voller Kraft betätigen. Für eine effektive Vollbremsung müssen etwa 80 bis 100 Kilogramm Pedaldruck aufgebracht werden. Um die Kraft aufbringen zu können, ist eine richtige Sitzposition essenziell. Wer zu weit vom Lenkrad entfernt sitzt, ist kaum in der Lage, einen so hohen Pedaldruck aufzubauen. Die richtige Sitzposition erhältst du, wenn du die Hände in der „10-nach-10“-Haltung auf dem Lenkrad platzierst und dabei deine Arme noch leicht gebeugt sind. 

Behalte Faustformeln im Hinterkopf und fahre vorausschauend

Im Straßenverkehr richtig zu bremsen kann überlebenswichtig sein. Allerdings ist nicht nur der reine Bremsweg, sondern der komplette Anhalteweg, inklusive Reaktionsweg, zu beachten. Behältst du die Faustformeln im Hinterkopf und fährst rücksichtsvoll und vorausschauend, dann bist du für das sichere Fahren im Straßenverkehr bestens gerüstet.

Titelbild: Peugeot

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