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Ab 2022 verpflichtend – diese Assistenzsysteme solltest du kennen
8. September 2021
Regularien

Ab 2022 verpflichtend – diese Assistenzsysteme solltest du kennen

Seit Jahrzehnten verfügen Pkw und Lkw über Fahrerassistenzsysteme, die das Fahren sicherer und komfortabler machen. Im Jahr 1978 wurde mit dem Antiblockiersystem ABS erstmals ein Fahrerassistenzsystem in einem Serienfahrzeug verbaut, als erstes Modell kam die Mercedes-Benz S-Klasse in den Genuss dieses technischen Helfers. Während das ABS damals der Oberklasse vorbehalten war, ist es seit 2004 für alle neu zugelassenen Fahrzeuge jeder Fahrzeugklasse verpflichtend.

Mit der Zeit wurden weitere Fahrerassistenzsysteme entwickelt, die deutlich mehr Intelligenz und Funktionsumfang mitbringen – bislang sind die meisten dieser Assistenzsysteme jedoch nicht verpflichtend einzusetzen. Dies ändert sich 2022 mit einer neuen EU-Verordnung, die für neu zugelassene Fahrzeuge zur Erhöhung der Sicherheit bestimmte Fahrerassistenzsysteme verpflichtend vorschreibt.

Wir erklären dir, welche Fahrerassistenzsysteme bald Pflicht werden und was das für dich bedeutet.

Regelungen für Pflicht-Fahrerassistenzsysteme

Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben sich auf eine Reihe von Fahrerassistenzsystemen geeinigt, die zukünftig in allen neuzugelassenen Fahrzeugen verbaut sein müssen. Die entsprechenden Regelungen sind in der knackig betitelten „Verordnung über die Typgenehmigung von Kraftfahrzeugen und Kraftfahrzeuganhängern sowie von Systemen, Bauteilen und selbstständigen technischen Einheiten für diese Fahrzeuge im Hinblick auf ihre allgemeine Sicherheit und den Schutz der Fahrzeuginsassen und von ungeschützten Verkehrsteilnehmern“ definiert, die bereits seit 2019 in Kraft ist und ab dem 6. Juli 2022 für alle Pkw mit Typgenehmigung in der EU gilt.

Fast genau zwei Jahre später, ab dem 7. Juli 2024, müssen diese Assistenzsysteme Teil der Serienausstattung der Fahrzeuge sein.

Diese Assistenzsysteme werden ab 2022 Pflicht

Im Folgenden geben wir die eine Übersicht über die Assistenzsysteme, die ab nächstem Jahr Pflicht werden. Was sie genau leisten, erläutern wir dir hier.

Intelligenter Geschwindigkeitsassistent

Ein Intelligenter Geschwindigkeitsassistent (von einigen Herstellern auch mit „ISA“ für „Intelligent Speed Assist“ abgekürzt) erleichtert dem Fahrer das Einhalten der maximal erlaubten Geschwindigkeit. An dieser Stelle ist zwischen aktiv eingreifenden und passiv warnenden ISA-Systemen zu unterscheiden.

Ein aktiv eingreifendes System kann selbständig die Fahrzeuggeschwindigkeit bei Überschreitung der erlaubten Höchstgeschwindigkeit verringern. Ein rein warnendes System informiert dagegen den Fahrer visuell, akustisch oder haptisch über die Geschwindigkeitsüberschreitung.

Beide Varianten nutzen eine kamerabasierte Verkehrszeichenerkennung oder eine GPS-gestützte Datenverarbeitung als Informationsquelle für die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Der Fahrer kann das System selbständig aktivieren und deaktivieren sowie ein aktiv eingreifendes System überstimmen.

Notbremsassistent

Der Notbremsassistent führt in gefährlichen Situationen eine automatisierte Notbremsung durch, falls der Fahrer zu spät oder gar nicht reagiert oder unzureichend verzögert. Zur Objekterkennung und Abstandsmessung nutzt ein Notbremsassistent meist eine Fusion aus Kamera-, Radar- und Lidarsensoren, zur Dosierung der Bremskraft und der zeitlichen Abschätzung wird alles mittels Algorithmen mit der Fahrzeuggeschwindigkeit kombiniert. Oftmals reagieren Notbremsassistenten in Stufen.

Zunächst erfolgt eine optische, dann eine akustische Warnung und erst in dritter Instanz wird die Notbremsung eingeleitet. Sollten die Sensoren aufgrund der Witterungsbedingungen keine ausreichend validen Daten erfassen können, schaltet sich das System selbständig ab. Das System kann auch durch den Fahrer komplett deaktiviert werden, aktiviert sich jedoch automatisch mit jedem Neustart des Fahrzeugs.

Notbremslicht

Das Notbremslicht wird auch als „adaptives Bremslicht“ bezeichnet und dient dazu, den rückwärtigen Verkehr über eine starke Bremsung zu informieren. Bei normaler Bremsung leuchten die Bremslichter dauerhaft, die Stärke der Verzögerung ist jedoch lediglich durch die Verringerung des Abstands zu erkennen.

Beträgt die gefahrene Geschwindigkeit über 50 km/h und übersteigt die Verzögerung -6 m/s2 (negative Beschleunigung), so blinken die Bremslichter in hoher Frequenz, um die dahinterfahrenden Fahrzeuge auf die Gefahrenbremsung aufmerksam zu machen. Erfolgt die Bremsung bis in den Fahrzeugstillstand, so schalten sich beim Erreichen des Stillstands zusätzlich automatisch die Warnblinker ein. Die benötigten Informationen bezieht das System hauptsächlich aus dem Pedaldruck und Pedalweg des Bremspedals, sowie dem ABS- und ESP-Steuergerät.

Notfall-Spurhalteassistent

(Bild: Volkswagen)

Kontroverser dürfte da der Notfall-Spurhalteassistent sein. Dieser warnt und greift in letzter Instanz auch aktiv in die Lenkung ein, um das Auto in der Spur zu halten, sobald es droht, die Fahrspur zu verlassen. Ein Unterschied zu einem normalen Spurhalteassistent findet man in der Vehemenz, mit der das System ins Fahrgeschehen eingreift, sobald eine gefährliche Situation wie das Fahren in den Gegenverkehr erkannt wurde.

Das System nutzt eine Kamera zur Spurerkennung, kann jedoch auch durch Radar- und Lidar-Sensoren zur Abstandsmessung zu anderen Objekten unterstützt werden. Das System ist standardmäßig mit jedem Start des Fahrzeugs aktiv, kann jedoch durch den Fahrer deaktiviert werden. Wie auch der Notbremsassistent deaktiviert sich das System selbständig, sobald die Umweltbedingungen eine sichere Funktionalität nicht mehr gewährleisten.

Blackbox (Ereignisbezogene Datenaufzeichnung)

Der wahrscheinlich größte Knackpunkt für Gesetzesgeber und Autobauer war wohl die Blackbox. Die ereignisbezogene Datenaufzeichnung in einer Blackbox dient dazu, wichtige Fahrzeugdaten während der Fahrt auszuzeichnen und insbesondere Daten kurz vor, während und unmittelbar nach einem Unfall zu speichern.

Ausdrücklich ist hier nur ein „in sich geschlossenes System“ erlaubt, so dass keine Weitergabe der Fahrdaten an Dritte – wie z.B. Versicherungen – erfolgen darf. Was die Versicherungsindustrie allerdings freuen dürfte: Wenn der Fahrzeughalter selbst sein Einverständnis gibt, ist das durchaus erlaubt. Was die weitere Auswertung der Daten durch Dritte bedeutet, ist noch unklar.

Bei diesen Daten handelt es sich um getätigte Bremsungen, Fahrzeuggeschwindigkeit, Fahrzeugposition auf der Straße, Zustand der Assistenzsysteme sowie um Daten der Sicherheits- und Unfallvermeidungssysteme sowie des eCall-Systems. Diese Daten können auch nationalen Behörden für Unfallanalysen zur Verfügung gestellt werden und müssen daher anonymisiert und sicher abgespeichert werden. Im Gegensatz zu den anderen bisher genannten Systemen lässt sich die Blackbox, die in allen teil- und vollautomatisierten Fahrzeugen verbaut werden muss, nicht durch den Fahrer deaktivieren.

Vorrichtung zum Einbau eines Alcolocks

Ist der Promille-Wert zu hoch, fährt das Auto nicht los. (Bild: iStock)

Zwar werden Alcolocks, also eine alkoholempfindliche Wegfahrsperre, zumindest vorerst nicht verpflichtend, jedoch müssen die Automobilhersteller ab 2022 eine standardisierte Schnittstelle zum Nachrüsten einer solchen bieten. Das Alkoholmessgerät ist nicht Teil der Verordnung, sodass hierzu noch keine weiteren Angaben gemacht werden können. Ziel hinter dieser Maßnahme ist, erst nach Kontrolle des Atemalkohols die Zündung zu aktivieren und damit Fahren unter Alkoholeinfluss zu reduzieren, wodurch Verkehrsunfälle vermieden werden können.

Sicherheitsgurtwarner

Im Gegensatz zu allen anderen hier aufgeführten Systemen wird das Sicherheitsgurt-Warnsystem nicht erst 2024 für alle neu zugelassenen Fahrzeuge in der EU verpflichtend, sondern bereits ab dem 1. September 2021. Bereits seit dem 1. September 2019 ist ein Sicherheitsgurtwarner, der die Insassen bei nicht angelegtem Sicherheitsgurt auf Vorder- und Rücksitzen warnt, für typgenehmigte Pkw vorgeschrieben, zwei Jahre später wird das System nun für alle neu zugelassenen Pkw Pflicht.

Müdigkeitswarner

Erkennt das Fahrzeug geminderte Aufmerksamkeit des Fahrers, kommt der Vorschlag zur Pause. (Bild: Daimler)

In der neuen Verordnung schreibt die EU einen hochintelligenten Müdigkeitswarner vor, der den Fahrer bei nachlassender Konzentration warnt. Viele aktuelle Müdigkeitswarner blenden lediglich in regelmäßigen Abständen die bekannte Kaffeetasse ein, dieses System geht jedoch weit darüber hinaus. Durch Analyse des Lenkverhaltens sowie Beobachtung der Augen- und Lidbewegungen zieht das System Rückschlüsse auf die Aufmerksamkeit des Fahrers und warnt ihn gezielt.

Durch solche Systeme sollen Unfälle durch den sehr gefährlichen und oftmals unterschätzten Sekundenschlaf zukünftig verhindert werden. Die Daten werden intern durchgehend aufgezeichnet und gespeichert, dürfen Dritten jedoch nicht zugänglich gemacht werden.

Rückfahrassistent

Der Rückfahrassistent unterstützt den Fahrer beim Rückwärtsfahren und warnt ihn optisch, akustisch oder haptisch vor Personen oder anderen Hindernissen hinter dem Fahrzeug. So sollen vor allem Unfälle beim Rangieren in unübersichtlichen Situationen wie Parkmanövern am Fahrbahnrand oder auf Parkplätzen verhindert werden. Zur Objekterkennung dienen beispielsweise Rückfahrkameras mit einer Bildanzeige im Armaturenbrett oder Ultraschallsensoren.

Rückfahrkameras helfen auch ungeübten Fahrern dabei, in engen Lücken problemlos einzuparken. (Bild: Volkswagen)

Diese Auswirkungen hat die neue Verordnung

Zunächst die gute Nachricht: Für dein derzeitiges Auto so sind keine Nachrüstungen ab 2022 bzw. 2024 notwendig, denn die neue EU-Verordnung bezieht sich ausschließlich auf Neuwagen. Sind in deinem aktuellen Pkw die genannten Assistenzsysteme nicht verbaut, kannst du das Fahrzeug trotzdem weiterhin ohne Einschränkungen nutzen.

Automobilhersteller stehen jedoch vor größeren Herausforderungen. Zwar haben die meisten Hersteller diese Systeme längst entwickelt, allerdings sind sie nicht in allen Fahrzeugklassen verfügbar. Fahrzeuge ab der Kompaktklasse verfügen oftmals schon in ihrer Serienausstattung über die genannten Fahrerassistenzsysteme, sodass hier keine allzu großen Anstrengungen zu befürchten sind. Bei kleineren Fahrzeugklassen ist das hingegen nicht der Fall.

Daher ergibt sich vor allem bei den Klein- und Kleinstwagen ein erhöhter Entwicklungsaufwand. Assistenzsysteme können nicht einfach ohne Änderungen aus einem Fahrzeugmodell in ein anderes übernommen werden können. Dadurch sind Preissteigerungen in diesen Fahrzeugsegmenten zu erwarten. Experten gehen davon aus, dass die geforderte Sicherheitsausstattung bei Kleinstwagen pro Fahrzeug etwa 1.000 Euro kosten wird – Kosten, die der Hersteller höchstwahrscheinlich auf den Verkaufspreis umlegen wird.

Gerade in diesen preiskritischen Fahrzeugsegmenten kann das eine Preissteigerung von über zehn Prozent bedeuten. Planst du somit einen Neuwagenkauf ab 2022, solltest du dies im Hinterkopf haben.

Ein weiterer gewichtiger Diskussionspunkt ist das Thema Datenschutz. Vor allem Sicherheitssysteme wie die Blackbox werden von vielen Autofahrern sehr kritisch betrachtet, sie befürchten eine Art gläserner Fahrer zu werden. Zwar ist in der Verordnung klar geregelt, welche Daten erhoben und gespeichert werden und was mit diesen Daten geschehen darf, allerdings bieten diese Daten auch erhebliches Potenzial für Missbrauch.

Hier gilt es für die Hersteller, die Datenschutzbestimmungen konsequent einzuhalten, um somit die Daten der Autofahrer zu schützen. Bewegungsmuster von Handy-Metadaten sind heute schon ein sehr profitables Geschäft für viele Internet- und Handyriesen. Wozu das bei Autos führen könnte, ist ungewiss. Ganz zu schweigen von der (immerhin theoretischen) Möglichkeit jegliche, noch so kleine Geschwindigkeitsüberschreitung sofort zu sanktionieren.

Fazit

Manche halten die neue EU-Verordnung für einen wichtigen Schritt in Richtung unfallfreie Mobilität, andere wollen darin wiederum beinah-dystopische Überwachungstendenzen erkennen. Sie schreibt den Einsatz von Sicherheitssystemen vor, die effektiv dazu beitragen können, Unfälle zu vermeiden und somit die Anzahl an Verkehrstoten zu vermindern. Allerdings stehen dieser Verordnung nicht wenige Autofahrer sehr kritisch gegenüber.

Eines ist klar: Durch den Einsatz aller Fahrerassistenzsystemen gibt man dem Fahrzeug immer die Möglichkeit, selbst die Kontrolle zu übernehmen und aktiv ins Fahrgeschehen einzugreifen.

Die Vorstellung, gänzlich einer Maschine die Kontrolle zu überlassen, ist für viele Menschen noch sehr befremdlich. Jedoch muss man eingestehen, dass wir uns über bestehende Fahrerassistenzsysteme keine Gedanken mehr machen, da sie zum erwarteten Standard gehören. Auch ABS und ESP sind in der Lage, aktiv die Fahrdynamik zu beeinflussen.

Allerdings kann man bei den genannten Systemen auch mit garantierter Sicherheit behaupten, dass sie in 99 Prozent aller Situationen ihre Arbeit besser erledigen als ein Mensch es je könnte. Das lässt sich, allein schon von so ziemlich allen Spurhalteassistenten – wenn man einmal länger auf einem Baustellen-reichen Autobahnabschnitt unterwegs war – absolut nicht behaupten. Auch nicht abschließend geklärt, ist die lange Liste an Datenschutzbedenken. Unabhängig von jeglichem Sicherheits-Pro und -Kontra, darf man dem EU-Vorhaben hier durchaus skeptisch entgegensehen.

Sicher werden diese Systeme auch noch besser, Maschinen sind schließlich weniger fehleranfällig als Menschen. Sie sind nicht emotional, werden nicht müde und haben keine „Schrecksekunden“. Auch wenn es durchaus zu Fehlfunktionen kommen kann, der Nutzen überwiegt hier mit großer Sicherheit. Dennoch darf unter der Erhöhung der Verkehrssicherheit der Schutz der persönlichen Daten nicht leiden. Hier muss die Automobilindustrie transparent bleiben und die Datenschützer hartnäckig.

Titelbild: iStock

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